Mit dem Fahrrad nach Lyon

Wie ihr vielleicht schon wisst, bin ich im Sommer 2011 mit dem Fahrrad von Göttingen nach Lyon gefahren. Das ist das Tagebuch das ich in dem Zeitraum geführt habe.

Erster Tag: Göttingen - Kassel - Marburg

Manchmal hat man ja einen guten Tag, und manachmal einen schlechten. Aber ein SEHR schlechter Tag sieht ungefähr so aus: man schläft viereinhalb Stunden nachdem man sich mit dem Protokoll auseinander gesetzt hat, das man letztendlich doch nicht hingekriegt hat und man ist sich dessen schön bewusst, dass man sich in den kommenden 12 Stunden mit dem Fahrrad konfrontiert ist. Ja, das ist eine Art der schlilmmste Tag. Was für eine Ehre dass ich es selber erleben durfte.

Ich weiß nicht genau wo diese Hartnäckigkeit herkam, aber ich wollte es nicht verschieben, ich wollte unbedingt heute losfahren. Und so, ausreichend für einen Grund. Los geht's.

Meine Kühlschrankausbeutung führte zu diesem Frühstück.

Die ersten 20 km oder so waren richtig gut. Genauer gesagt, so lange es Niedersachsen war. Da kann man so fahren wie man will. Außerdem kannte ich ja die Umgebung von Göttingen relativ gut, weil ich in der Fahrschule ziemlich überall gewesen war. So die Tage wo ich ganz klein und naïv, an die ich mich nicht mehr erinnern kann... vor einem halben Jahr.

Übrigens, das Wetter. Die Briten fangen ja an über das Wetter zu reden wenn sie jemanden sehen, weil sie haben ne Macke, nein weil sie glauben so wären sie höflich zu den anderen Leuten. Die Deutschen machen das dagegen nicht, weil es ist doch unehrlich über etwas zu reden wofür man sich kaum interessiert. Ich bin weder Brite noch Deutscher und deswegen rede ich drüber urplötzlich mitten im Text. Es war der einzige sonnige Tag des Jahres in Göttingen mit unendlich breitem blauen Himmel und 29 Grad ohne Wind ohne Ende. Ihr habt bestimmt schon mal Radfahrer gesehen die ganz kurze enge Klamotten tragen. Und bei mir? Natürlich fahr ich in meinem normalen Jeans und dem Pulli in dem ich mich im polnischen Winter durchgesetzt habe. Unter diesen unglaublichen Umständen war ich kurz vor Kassel mitten in einem Hang zu Mittag wobei ich stark davon überzeugt war dass das die richtige Strecke wäre, und letztendlich stellte sich heraus das war falsch. Ich habe zumindest lernen können dass man von Hahn-Münden nicht die Straßenschilder befolgen sollte weil sie führen zur Autobahn. Wenigstens sollte man aber wissen, dass man unter der ohne Ende scheinenden Sonne mitten in Nichts nicht gleichzeitig Durst und eine Flasche Wodka haben sollte und kein Wasser.

So, willkommen in der allerhässlichsten Stadt von Deutschland, Kassel. Es ist sogar noch hässlicher wenn man mit dem Fahrrad ankommt. Na ja, das Problem von Kassel ist vor allem, im Gegenstatz zu Wuppertal zum Beispiel, dass am Rand der Stadt unglaublich steil ist, was überall in Hessen ein PRoblem war.

Am Ende kam ich kurz vor 22 Uhr in Marburg an, nachdem ich kurz in der Autobahn rumgeeiert war, was ich zufälligerweise auch im Radio hören konnte. Jedenfalls, fertig mit dt dem ersten Tag.

Zweiter Tag: Marburg - Gießen - Frankfurt - Mannheim

Sagt dir 150 g Reis was? Das ist eine Einheit in Japan die "Go" heißt. Ein Go sollte eigentlich einer Portion entsprechen aber in der Realität ist es um ein gutes Stückchen mehr als das. Dann 1200 g Reis? Das ist das was ich gestern aufgefressen habe. Heute morgen habe ich ein damit gut vergleichbares Frühstück gehabt. Außerdem habe ich eine gute Lunchbox daraus machen können. Jedenfalls, los.

Heute würde ich nach Mannheim, wobei die Entfernung etwa 170 km beträgt. Um normale Staatsbürger zu beeindrücken, sprach ich eine alte Dame gleich nach der Abfahrt an um sie zu fragen, wie man mit dem Fahrrad nach Mannheim fahren kann. "Mannheim? Ist da vorne gleich um die Ecke." Ich weiß immer noch nicht genau womit sie es verwechselt hat...

Hessen ist nicht nur hässlich, sondern auch langweilig, so ungefähr wie Gifu wenn's Japan wäre und Wyoming in den USA, denke ich. Um der Langeweile zu entkommen, haben sie zum Beispiel so was wie Straßen nur mit verdächtigen Hotels konstruiert. Mitten in der Straße habe ich ein lustiges Restaurant gefunden:

Ich glaube du musst auf das Foto klicken um zu sehen was auf dem Schild steht. Ein Restaurant mit den "Spezialitäten aus China-Inden-Thailand" das aber "Bonsai" heißt... Ein kulturelles Missverständnis an das ich mich mittlerweile gewöhnt habe.

Dann sehe ich ganz unsympathischerweise ein Auto mit so einem Nummernschild. Es wäre so viel sympathischer gewesen wenn der Besitzer "FB NEIN" gewählt hätte. Na ja da merkt man wenn man so ein Auto sieht, in welchem Bundesland von Deutschland man sich gerade befindet.

Nachdem ich diese Stadt hinterlassen habe, sah ich eine andere mit ganz vielen Wolkenkratzern und Straßenbahnen. Ich dachte bloß, "das muss doch eine große Stadt sein", ja, Frankfurt zum Beispiel.

Dann kommt natürlich eine Katastrophe, die aber natürlich nicht fehlen kann im allerhässlichsten Staat Deutschlands, Hessen, oder Hässen. Gerade als mitten in der Stadt war, kam ein uraknallharter Platzregen mit ohne jegliche Vorwarnung, der mir aber dann auch noch Internet, GPS und die Radioverbindung entnahm. Also, ich muss aber hier an dieser Stelle hinzufügen, dass ich KEINE physikalische Karte dabei habe, sondern ich fahr einfach nur mit meinem Handy. Eigentlich könnte ich da keinen Schritt machen, aber ich habe trotzdem versucht mit dem Kompass und meinem Gedächtnis. Ich glaube es erst gar nicht notwendig zu sagen, dass ich hinterher mitten in nichts gelandet bin.

Wenn du aber eines Tages von Frankfurt nach Mannheim mit dem Fahrrad fahren solltest, NICHT den Straßenschildern folgen. Das Ding ist, die sind gerade da, wo man nicht abzubiegen braucht und wo es eigentlich nötig wäre, sind sie entweder nicht mehr da oder zeigen irgendeine Richtung, Richtung Wald zum Beispiel.

So, endlich mal weg von Hessen dachte ich als ich mein Mannheim geshen habe. Übrigens war es 22.30. Woa war hart.

Dritter Tag: Mannheim - Karlsruhe - Strassburg

Der Rhein ist schön. Sogar noch schöner, wenn man an der Flussbank entlang ohne GPS oder Landkarte (die ich aber nicht habe) fahren kann und man fährt ganz der Natur folgend bis zum Horizont...

Ja toll schön, ist ja cool, wenn's funktionieren würde. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass ich im aller hässlichsten Staat Deutschlands, Baden-Württemberg war. In der Tat kann man einige Internetseiten finden wo erklärt wird wie man am besten am Rhein entlang fahren sollte und sie sagen dass es so einfach ist den Straßenschildern zu folgen. Ja klar wenn man nur 30 km am Tag fährt dann ist es ja ganz gut, aber wenn man ein relativ entferntes Ziel im Kopf hat, und zwar nur das, also so was wie Frankreich zum Beispiel, ist es natürlich ziemlich schwierig sein Ziel auf den Straßenschildern zu finden. Denkt doch auch daran dass es Leute gibt die mit dem Fahrrad international fahren. Meine Güte. Das Problem von Rhein ist vor allem, dass Verzweigungen gerade nicht wenig sind. D.h. auch wenn man auf der Fahrradstraße bleibt kann man sich ganz gut verlieren. Und wenn jemand so begabt ist wie ich, kann auch ganz gut passieren dass man eine halbe Stunde nur die zurückgelegte Strecke noch mal zurücklegt. Toll.

Jedenfalls habe ich heute noch mal einen sonnigen Tag haben können, was nicht unbedingt immer passiert in Deutschland. Da wo dieser Text die Übersetzung der engischen Version ist, habe ich das auch übersetzt aber für diejenigen die das gerade lesen ist diese Erklärung wohl mehr oder minder selbstverständlich, nehme ich mal an... Irgendwann vergas ich aber dass ich irgendwann am Ende des Tages in der nächsten Stadt ankommen müsste.

Der Drama fing in Karlsruhe an. Es war 17 Uhr und ich gucke noch die Strecke bis nach Strasburg... 75km.

Weißt du, es gibt Sachen, die möglich, unmöglich oder theoretisch möglich sind. Ja klar wenn ich mit 20 km/h fahre käme ich natürlich um 22 Uhr in Strassburg an. Natürlich ist es theoretisch möglich. Aber wer auf dieser Welt könnte denn bitte schön 95 % von 5 Stunden ohne Pause mit 20 km/h fahren und zwar in Richtung der Quelle vom Rhein? Jedoch muss ich zugeben, es ging darum wie anstrengend es war. Ich musste fahren und dann war die Diskussion vorbei.

Der Rhein ist nicht steil, aber wenn es 60 km lang ohne Pause geht, sieht es doch ein biscchen anders aus.

Am Anfang der Abenddämmerung habe ich die Grenze von Deutschland und Frankreich erreichen können, und ich musste die Fußgänger fragen welche Straßen zu nehmen waren. Die Reaktion war immer gleich. "Was? Du möchtest nach Strasburg fahren? Der Weg zum Bahnhof ist..." Ne das frage ich dich doch gar nicht Junge. Ich habe sogar auch noch einen alten Mann ohne Zähne getroffen der aber drei Sprachen sprach. Das Problem ist aber wegen fehlenden Zähnen war seine Aussprache erstmal unglaublich undeutlich und außerdem bestanden die Sätze aus Wörtern in drei verschiedenen Sprachen. Such bitte eine Sprache aus, s'il te plaît... Ich weiß nicht genau wie ich davon überzeugt sein konnte dass was er mir erzählen wollte...

Da war auch noch eine alte Frau die sehr meine Reise bewunderte und sie wollte wissen wo ich herkam:

"Göttingen"
"Göppingen?"
"Nein Göttingen."
"Wuppertal?"
"Göttingen!"
"Amerika?"

Ist es phonetisch möglich dass sich Göttingen wie Amerika anhört? und wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist würde ich aber nicht annehmen dass diese Person unmittelbar aus Amerika kommt die aber dann auch noch authentisch asiatisch aussieht...

So jedenfalls, das war mir aber auch alles egal. Ich musste radeln ohne Ende weil viele Jugendherbergen machen um 22 Uhr dicht. Der Himmel wird langsam dunkler und dunkler. Die Menge der Energie die man braucht für die Umsetzung des Ortes eines Gepäcks das 20 kg wiegt, ist aber gerade nicht vernachlässigbar und zwar vor allem wenn man am Fluss entlang aufwärts fährt. Ich kam um 23 Uhr in Strassburg an. Die Jugendherberge hat auf 24 Stunden am Tag. lol

Vierter Tag: Strassburg - Müllhausen

Natürlich ist Strassburg in Frankreich, aber man kann besser deutsche Radiosendungen aufnehmen als französische. Deutsche Propaganda? Jedenfalls fühlt man sich nicht so als sei man im Ausland. Ein kleines Problem das vorgekommen ist ist dass die Straßen nicht so gut ausgebaut sind wie in Deutschland. Es ist auch nicht so dass man wirklich pingelig sein müsste, aber wenn man den ganzen Tag mit dem Fahrrad fährt ist es doch irgendwann recht anstrengend. Ich hoffe dass das Fahrrad sich ebenso durchsetzt wie ich. Ich hatte von den Erasmusstudenten in Göttingen aus Frankreich erfahren dass das Wetter in Frankreich immer gut ist. Hey, lügt nicht.

Da war keine Internetverbindung in der Jugendherberge. Ich habe dann in der Eingangshalle einen Typen gefragt wo man einen Internetzugang haben kann. Anscheinend ist es recht einfach in Frankreich einen Hotspot zu finden im Gegensatz zu Deutschland. Ziemlich jedes Kettenrestaurant hat Internetzugang, so was wie McDonalds oder Subway. Ich glaube er war recht verwirrt als ich ihn mehrmals gesagt habe "nein ich suche nicht McDonalds sondern Internet!!" Ja, darum geht's doch... Gleich beim Markt konnte ich ein McDonalds finden, für den Preis dass ich nicht wusste was ich bestellen wollte, weil ich nicht so genau wusste was McDonalds verkaufen außer Hamburger, auf die ich nicht so Hunger hatte gleich nach dem Frühstück. Der Typ der am Tisch neben meinem saß sprach Deutsch. Na toll vive la France. So verließ ich die Stadt, und zwar genau von der anderen Seite von da wo ich rausfahren wollte.

Da wo ich schon in Frankreich angekommen war, fuhr ich heute etwas langsamer. Müllhausen ist ungefähr 100 km entfernt von Straßburg. Das ist gut machbar

Das hat nicht jetzt angefangen aber GPS funktionierte nicht so gut in Straßburg. Mein Standorte waren überall wo ich kaum mit dem Fahrrad ankommen könnte. Außerdem stellte sich fest dass die Flächengröße dieses Landes etwa zweimal so groß ist wie die von Japan und mit halb so kleiner Einwohnerzahl wohnen die meisten konzentriert in der Megametropolitanhauptstadt, Paris. D.h. die anderen Städte sind wesentlich kleiner. Wenn man also ein Dorf verlässt kommt manchmal auch vor dass das nächste Dorf erst einige Stunden später auftauchen, und zwar die aber auch nur aus etwa zehn Häusern bestehen beispielsweise, was mir aber nicht so viel bringt wenn ich Nahrungsmittel brauche. Es ist aber auch sehr interessant dass es trotzdem für diese zehn Familien eine Schule gibt, auch wenn sie total geistlos aussieht. Sieht aus wie ein Gebäuder aus der Sowietzeit. Ich hoffe niemand aus Frankreich liest diesen Text.

Heute habe ich nicht so viel zu erzählen. Ich kam in Müllhausen gegen 20 Uhr an. Der Typ bei der Rezeption war ziemlich cool. Der hat mir ungefähr erklärt wie man nach Besançon fahren kann. Müllhausen ist übrigens so eine Stadt, die sich in Deutschland wahrscheinlich nie verwirklicht. Es ist so eine Stadt mit französischer Ästhetik. Man kann auch überall in der Stadt Fahrräder mieten. Ich weiß nicht genau wie es funktioniert aber ich hoffe dass es das nicht nur hier sondern auch überall geben würde.

Fünfter Tag: Müllhausen - Besançon

Der coole Type an der Rezeption war nicht mehr da heute morgen. Die Substitution war eine richtig unfreundliche Frau die mir so ungerne eine dritte Portion Müsli gegeben hat. Als ich sie gefragt habe ob sie die Garage aufmachen kann wollte sie auch erst gar nicht hin gehen mann.

Überall tut es weh aber ich denke das Fahrrad befindet sich auch in schlechtem Zustand im Moment.

À propos, was für eine Reise stellt ihr euch eigentlich vor? Seht ihr eine unendlich lange Straße die zum Horizont führt so wie in den schlechten amerikanischen Hollywood-Filmen? Naja der Hintergrund ist diskutabel aber eines habt ihr gemeinsam im Kopf: asphaltierte Straßen. Zum Glück kriege ich von Google Maps meistens asphaltierte Straßen, aber da es sich um eine Beta Version handelt, ist es leider nicht immer der Fall. Ein gutes Beispiel ist hier:

Und ganz ehrlich zu sein, ist es gerade nicht selten dass so ein Weg 5 km verläuft, wo man kaum 5 km/h überschreiten kann. In den schlimmsten Fällen gibt es eine übersichtliche geradeaus laufende Straße und Google Maps gibt mir extra einen Weg der extra in den Wald führt und einige hundert Meter komme ich doch zurück auf die Straße. Ich krieg irgendwann Krankheit ey.

Ich wüsste echt gerne warum es die ganze Zeit regnet seit ich in Frankreich bin. Das geht zwar noch, aber offensichtlich wird der Monitor meines Handys Schritt für Schritt vernichtet. Ich frage mich bloß ob es sich bis zum Ende durchsetzen kann...

Vielleicht deswegen weil ich nicht weit weg von der Schweiz bin, ist es nicht mehr so flach. Zusätzlich zu den unasphaltierten Straßen steile Wege und jede Menge Regen... Ich kann mich echt fragen wozu ich mich dafür entschlossen habe mit dem Fahrrad nach Frankreich zu fahren.

Für diejenigen die nicht Physik studieren ist dies wahrscheinlich nur ein stinknormales Straßenschild aber ich habe ein Dorf gefunden das Lagrange heißt. Lagrange ist ein italienischer Physiker der Lagrangemechanik entwickelt hat. Ursprünglich hieß er Lagrangia aber es war anscheinend modisch damals einen französischen Namen zu haben und somit hat er auch seinen geändert. Hinterher stellte sich aber heraus, dass "la grange" im französischen tatsächlich existiert und einfach "die Scheune" heißt. Scheunenmechanik...

Besançon war nicht eine so schöne Stadt wie mir erzählt wurde. Die Gebäude waren grau und monoton. Berlin war glaube ich gleich nach dem Mauerfall auch ungefähr so, auch wenn ich nicht da war.

Offiziell gibt es keine Jugendherberge in Besançon aber da war eine Institution die zur FUAJ (Fédération unie des auberges de jeunesse) gehört und auch wenn es ein wenig teurer war war die Ausstattung ausgezeichnet. Das war das erste Mal seit dem Anfang der Reise dass ich ein Einzelzimmer hatte mit schneller Wi-Fi verbindung. Es war eher ein Hotel als Jugendherberge. Dafür 25 Euro ist gar nicht schlecht.

Sechster Tag: Besançon - Bourg-en-Bresse - Lyon

Der Service der Jugendherberge war nicht schlecht aber das Frühstück könnte besser sein. Es war nämlich kein all-you-caneat. Außerdem der einzige Mitarbeiter der da war war unfreundlich, auch wenn er beim Fahrrad rausholen mir alles Gute gewünscht hat.

So mein letzter Tag. Langsam wird es echt anstrengend dieses Tagebuch zu führen aber da wo heute das letzte Mal sein wird, reiße ich mir den Arsch auf. Eigentlich wollte ich heute nur bis nach Bourg-en-Bresse fahren, aber heute morgen stellte sich fest, dass kein bestimmter Zeitraum existiert für das Frühstück abgesehen davon dass das nicht später sein darf als 11. Daher bin ich gleich um 6 aufgestanden und unmittelbar nach dem Frühstück losgefahren. Der Abstand zu Lyon beträgt mehr als 200 km aber das ist nur noch ein letztes Stückchen. Bon courage!!

Und BANG natürlich fängts so nicht leicht an. Es war stürmisch draußen. Da waren so viele französische Austauschstudenten die behauptet haben dass es in Frankreich immer so schön ist. Es hat bisher nicht einen einzigen Tag gegeben an dem es nicht geregnet hat. Lügt nicht Leute!! Da wo ich eh keinen Regenschirm oder irgendwas hochtechnologisches hatte musste ich einfach so los, mit der Hoffnung dass es irgendwann aufhört zu regnen.

Es hat ab und zu aufgehört zu regnen aber hin und wieder hat es dann doch geregnet. Das war gerade nicht unbedingt ein großes Problem aber das Ding war, dass der Monitor meines Handys langsam invadiert wurde von Wasser. Hm. Was mache ich denn.

Die Katastrophe kam gegen 13 Uhr bei mir an. Ich war mitten in einem dramatischen Hang in einem dunklen Wald unter ununterbrochenem Regen. Also wie ihr wisst, geht das Handy normalerweise aus wenn man es nicht mehr berührt, Schlafmadus halt. Aber in diesem Moment, emittierte mein Handy ohne Ende Licht aber ich konnte ja dafür nichts machen und ich ging einfach weiter. Einige Minuten später, ging es aus, ohne seitdem einmal gepiepst zu haben. Wie ich bereits oben beschrieben habe, habe ich keine Karte dabei, es ist kaum möglich in Frankreich eine Stadt gleich in der Nähe zu finden. Was mir übergeblieben ist war lediglich mein Kompass und mein Gedächtnis, wobei ich mich kaum darauf verlassen kann. Die Situation ist radikal anders als das letzte Mal in Frankfurt. In der Tat habe ich eine Bahnbrücke geshen ungefähr eine Stunde zuvor. Wenn ich bis dahin zurückfahre, kann ich bestimmt in der Nähe einen Bahnhof finden. Spiel aus?

Du musst aber unendlich dumm sein um zu sagen "hm naja vielleicht geht's aber noch". Ja klar ich wusste es aber meine Intuition sagte mir die Richtung. Zumindest konnte ich ein bisschen Französsich und ich könnte ja in der nächsten Stadt jemanden finden der mit die Richtung zeigen kann... Mit diesen Gedanken fuhr ich dann letztendlich doch weiter. Aber nun meine Fresse taucht ja doch eine unglaublich schöne Stadt auf, die aussah als wäre sie in der Luft weil sie am Hang eines steilen Berges sich befand. Das Dorf hieß "Chateau Chalon" glaube ich falls ihr euch interessiert welches Dorf genau es war. Es war eine Schande dass mein Photoapparat nicht mehr funktioniert weil das gleichzeitig mein Handy ist. Bei der Touristeninformation habe ich dann gefragt wie man bis nach Lyon fahren kann, wobei ich fast genau wusste dass eine überraschte Reaktion zurückkommt. Die Entfernung beträgt ja schließlich noch mehr als 100 km. "Lyon? Nimm gleich unten die Straße da und einfach immer geradeaus." Das war der Moment in dem ich die Verkehrssituation von Frankreich im echten Sinne kennengelernt habe.

Es stellte sich heraus später, dass die französischen Straßen so klar konstruiert sind, dass man eigentlich nur die Departementale nehmen kann und dann verliert man sich nicht weil sie so klar beschildert sind. Die Abhängigkeit von GPS hat mich wirklich blind gemacht...

Es war zwar immer noch nicht ganz flach, aber zumindest war die Straße gut ausgebaut und vor allem muss ich nicht alle 5 Minuten gucken ob ich am richtigen Ort bin. Ich konnte mir richtig den Arsch aufreißen und fuhr durchschnittlich mit 24 km/h. Gegen 18 uhr kam ich in Bourg-en-Bresse an. Gleich habe ich McDonalds gesucht und die Strecke bis nach Lyon gecheckt, wobei ich zwei Portion Mc menu bestellt habe. Nach der Pause wurde ich richtig müde aber man muss nur noch einer Straße entlang fahren. Keine Ausrede, los.

Gegen Mitternacht tauchte ich gleich vor Lyon auf. Mein Glück scheint langsam zu erbleichen. Die Straße führt zur Autobahn. Ich habe meinen Freund Eduard angerufen um ihn zu nach dem Weg zu fragen. Hilft kaum. Ich habe einfach ein paar Autofahrer gefragt. Die waren alle schockiert dass jemand der nach Lyon fahren wollte eiert um die Uhrzeit noch da in der Gegend rum aber sie haben mir maximal Hilfe gegeben. Auf einer Hausparty wo alle ziemlich betrunken waren waren ein Paar Typen die unbedingt mit mir Englisch sprechen wollten aber die druckten schließlich die Karte bis zur Jugendherberge aus. Währen einer die Karte ausgedruckt hat haben sie mir was zum Essen und Rotwein anbieten wollen. Was für eine Versuchung, aber nein alles kommt erst wenn ich tatsächlich in Lyon ankomme! Dennoch fuhr ich weiter. Die Jugendherberge macht ja schließlich um 1 zu.

War vielleicht jemand von euch schon mal in Hakodate? Das ist auf der Insel Hokkaido, ganz im Norden. Ich habe ein krasses Problem mit meinem Gedächtnis. An die Zeit kann ich mich kaum erinnern aber die nächtliche Landschaft von oben würde ich nie im Leben vergessen. Aber voilà was für ein Flashback. Da Lyon eine Stadt ist die im Tal liegt, kann man die ganze Stadt sehen wenn man von außen ankommt. Meine Fresse, dass ich in dieser Stadt ein Jahr wohnen werde...

Nachdem ich ganz schnell den Berg runtergefahren bin habe ich gleich rumgefragt wo die Jugendherberge ist. Währenddessen habe ich feststellen können, dass die Uhr 1 Uhr überschritten hat. Spiel aus. Ich habe sie trotzdem angerufen und der der das Telefon genommen hat sagte mir es ist egal wie spät es wird, komm doch rüber. Mit der letzten übrig gebliebenen Energie ging ich den allerletzten Hang dieser Reise auf. Es war 1.30.

So endete meine 6-Tage-Reise nach Lyon. Genau am folgenden Tag habe ich glücklicherweise eine Wohnung finden können und zwei Tage später, mein lieber Eduard, der meine Reise sehr bewunderte fuhr los von Angers in Richtung Lyon. Ganz ehrlich zu sein in den ersten 5 Tagen, oder genauer gesagt bis zu dem Moment in dem mein Handy gestorben ist, habe ich mich mehrmals gefragt ob ich vielleicht doch aufgeben möchte. Jedoch habe ich aber jedes Mal mir gesagt, ich fahre heute noch weiter, morgen kann ich aufgeben. Am nächsten Morgen konnte ich mir aber doch noch sagen, vielleicht kann ich noch schaffen. Die ganze Reise war die Wiederholung dieses Vorgangs. In der Praxis, die Entfernung zu Lyon war mehr als in Zahlen geschrieben und die Realität zeigte sich viel härter als vorgestellt. Die Frage war einfach nur, ob mein Wille stark genug ist um die Schwierigkeiten zu überwinden. Vor allem ist die Tatsache dass man nicht weiß ob man am Ende des Tages an dem Ort ankommen kann, wo man hingehen möchte, macht einen wirklich fertig und verbraucht mehr Energie. In diesem Sinne war es eine große Hilfe dass es Leute gegeben hat die mir während meiner Reise geistig geholfen haben und diejenigen die mir auf dem Weg Hilfe geleistet haben, ohne nicht einmal mich persönlich zu kennen. Daher möchte ich diese kleine Geschichte mit dieser Danksagung vollständig beenden. Vielen Dank.